Der Rohbau

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Man steht vor dem Bild und zunächst sieht man nur Gerüst. Stangen, Streben, Diagonalen, ein Gitterwerk aus Metall, das sich vor die Fassade legt wie ein Käfig vor ein Tier, das noch nicht weiß, ob es hinaus will.

Erst nach einem Moment löst sich dahinter das eigentliche Haus heraus: drei, vier Stockwerke, roh, grau, mit leeren Fensterhöhlen, die noch keine Vorhänge kennen, keine Blumentöpfe, kein Licht am Abend. Ein Gebäude im Zustand des Werdens, das schon die Form trägt, die es einmal ausfüllen wird, und doch noch nichts davon versteht.

Das Licht ist hart und flach zugleich, ein typisches Sommerlicht am helllichten Tag, das man eigentlich meidet, weil es keine Schatten schenkt, keine Dramatik, keine Gnade. Und genau das macht die Aufnahme ehrlich. Kein Kunstgriff, kein Abendrot, das die Wunde des Rohbaus hätte weichzeichnen können. Die Perspektive ist frontal, fast andächtig, wie man ein Porträt aufnimmt, wenn man will, dass der andere einen ansieht, ohne auszuweichen. Davor der Streifen Wiese, ungemäht, mit Gräsern, die sich nicht kümmern um Baupläne und Bebauungsordnung, und zwei runde Betonrohlinge im Gras liegen wie hingelegte Findlinge, wie Relikte, die schon da waren, bevor das Haus überhaupt gedacht wurde.

Die Körnung des Films, das Schwarzweiß, der ausgeblichene Himmel – das alles verweist auf eine Kamera, die nicht rechnet, nicht nachjustiert, sondern nur festhält, was da ist. Die Canonette kennt keine Ausreden. Man drückt ab, und was man bekommt, bekommt man erst Tage später zu sehen, im Labor, im Zufall der Entwicklung. Das ist die Ruhe des analogen Fotografierens: man muss vertrauen. Man muss loslassen, bevor man weiß, ob es gelungen ist. Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum dieses Bild so sehr an eine Geburt erinnert, an der man dachte, man wollte darüber schreiben, bevor man dieses Bild sah – ein Prozess, den man beginnt, ohne das Ergebnis zu kennen, ein Werden, das einem selbst entzogen ist, sobald man es in Gang gesetzt hat.

Das Hauptsujet ist zweifellos das Gerüst, dieses Provisorium, das strenger wirkt als das Haus, das es umschließt. Die Nebensujets – die Wiese, die Betonrohre, ein paar Halme im Wind, die sich unscharf durchs Bild ziehen – sind es, die die eigentliche Spannung tragen. Hier das Werden, dort das, was bereits war und bleiben wird, ganz gleich, was gebaut wird. Die Natur erduldet den Eingriff, ohne ihn zu kommentieren. Sie wächst weiter am Rand des Bauplatzes, gleichgültig und beharrlich.

Es strahlt aus diesem Bild eine seltsame Zwiespältigkeit. Kein Vorwurf, keine Anklage gegen den Baufortschritt, aber auch keine Feier. Eher ein Innehalten. Ein Moment, in dem man begreift, dass jedes neue Zuhause zunächst ein Wunde in der Landschaft ist, bevor es zu einem Zuhause wird. Man denkt an Menschen, die eines Tages hinter diesen leeren Fenstern stehen werden, ohne zu ahnen, wie kahl, wie unfertig, wie fast schutzlos ihr zukünftiges Wohnzimmer einmal dagestanden hat, im Gras, unter einem Himmel, der zu hell war für ein gutes Foto und gerade deshalb das richtige Bild ergab.

Man geht weiter durch die Ausstellung, aber das Gerüst bleibt im Kopf. Man fragt sich, ob es das Haus ist, das gerade geboren wird, oder ob es das Stück Land ist, das gerade stirbt – und ob beides vielleicht dasselbe sein muss, damit überhaupt etwas entstehen kann.