Schlagwort: Technik

  • Vergänglichkeit

    Ein Vorhang hängt vor einem Fenster, karierter Stoff, von der Sonne ausgeblichen.

    Unten ist er zerrissen, als hätte ihn jemand mit den Händen aufgerissen, immer wieder, über Jahre. Das Licht fällt schräg hinein und zeichnet Falten wie Schatten einer Landschaft. Man sieht sofort: Dieser Vorhang hat Zeit hinter sich. Und genau das macht ihn zu einem guten Motiv für eine Serie, die „Vergänglichkeit“ heißt.

    Ich bin diesem Bild im Vorbeigehen begegnet. Kein Aufbau, kein Stativ, kein zweiter Versuch. Nur ein Blick, der hängen blieb, und die Kamera, die gerade zur Hand war. Vielleicht ist das der ehrlichste Zugang zu diesem Thema. Vergänglichkeit lässt sich schwer inszenieren. Sie zeigt sich eher dort, wo man sie nicht sucht, in einem Riss, einer Farbe, die verblasst ist, einem Stoff, der schon lange nicht mehr neu ist.

    Zeit ist in diesem Bild nicht als Ereignis zu sehen, sondern als Spur. Der Stoff war einmal ganz, einmal frisch gemustert, vielleicht sogar mit Stolz aufgehängt. Jetzt trägt er die Abnutzung eines langen Zeitraums, den niemand einzeln bemerkt hat. So verhält sich Zeit meistens: nicht in großen Schnitten, sondern in kleinem, beständigem Verschleiß. Man merkt es erst, wenn man genau hinschaut, so wie hier, in diesem Riss am unteren Rand.

    Es gibt einen Grund, warum ich für solche Motive gern zur analogen Kamera greife. Die analoge Fotografie hat selbst etwas Vergängliches an sich. Ein Film ist begrenzt, er hat sechsunddreißig Aufnahmen, nicht mehr. Jedes Bild kostet etwas, jede Belichtung ist eine Entscheidung, die nicht rückgängig gemacht werden kann. Man sieht das Ergebnis nicht sofort, sondern muss warten, bis der Film entwickelt ist. In dieser Zeit zwischen Aufnahme und Ergebnis liegt schon ein kleines Stück Vergänglichkeit: der Moment ist vorbei, bevor man weiß, ob er gelungen ist.

    Die digitale Fotografie kennt dieses Warten kaum noch. Ein Bild entsteht, wird sofort betrachtet, notfalls gelöscht und neu versucht. Das ist praktisch, aber es nimmt dem Moment etwas von seinem Gewicht. Bei der analogen Aufnahme bleibt der Augenblick unwiderruflich. Was durch das Objektiv fiel, ist auf dem Film, ganz gleich, ob scharf oder unscharf, ob das Licht passte oder nicht. Genau das passt zu einem Bild wie diesem Vorhang. Auch der Stoff kann seine Risse nicht zurücknehmen. Beide, Bild und Motiv, tragen die Zeit als Spur, nicht als Behauptung.

    Das Korn im Bild, dieses leichte Rauschen der analogen Aufnahme, verstärkt diesen Eindruck noch. Es ist selbst eine Art Verwitterung, ein Zeichen dafür, dass ein chemischer Prozess und kein Algorithmus hier gearbeitet hat. Die Fotografie altert mit ihrem Motiv, wenn auch anders. Digitale Bilder bleiben technisch makellos, solange die Datei erhalten ist. Analoge Bilder tragen die Unschärfen ihres eigenen Entstehens, fast so, als würden sie das Thema der Vergänglichkeit nicht nur zeigen, sondern selbst ein wenig teilen.

    Am Ende bleibt von diesem einen Blick im Vorbeigehen ein Bild, das mehr sagt, als es zunächst zeigt. Ein zerrissener Vorhang, ein Streiflicht, eine Aufnahme, die nicht geplant war. Vielleicht ist das die einfachste Definition von Vergänglichkeit: etwas, das man nur festhalten kann, während es schon vergeht.

  • Der Rohbau

    Man steht vor dem Bild und zunächst sieht man nur Gerüst. Stangen, Streben, Diagonalen, ein Gitterwerk aus Metall, das sich vor die Fassade legt wie ein Käfig vor ein Tier, das noch nicht weiß, ob es hinaus will.

    Erst nach einem Moment löst sich dahinter das eigentliche Haus heraus: drei, vier Stockwerke, roh, grau, mit leeren Fensterhöhlen, die noch keine Vorhänge kennen, keine Blumentöpfe, kein Licht am Abend. Ein Gebäude im Zustand des Werdens, das schon die Form trägt, die es einmal ausfüllen wird, und doch noch nichts davon versteht.

    Das Licht ist hart und flach zugleich, ein typisches Sommerlicht am helllichten Tag, das man eigentlich meidet, weil es keine Schatten schenkt, keine Dramatik, keine Gnade. Und genau das macht die Aufnahme ehrlich. Kein Kunstgriff, kein Abendrot, das die Wunde des Rohbaus hätte weichzeichnen können. Die Perspektive ist frontal, fast andächtig, wie man ein Porträt aufnimmt, wenn man will, dass der andere einen ansieht, ohne auszuweichen. Davor der Streifen Wiese, ungemäht, mit Gräsern, die sich nicht kümmern um Baupläne und Bebauungsordnung, und zwei runde Betonrohlinge im Gras liegen wie hingelegte Findlinge, wie Relikte, die schon da waren, bevor das Haus überhaupt gedacht wurde.

    Die Körnung des Films, das Schwarzweiß, der ausgeblichene Himmel – das alles verweist auf eine Kamera, die nicht rechnet, nicht nachjustiert, sondern nur festhält, was da ist. Die Canonette kennt keine Ausreden. Man drückt ab, und was man bekommt, bekommt man erst Tage später zu sehen, im Labor, im Zufall der Entwicklung. Das ist die Ruhe des analogen Fotografierens: man muss vertrauen. Man muss loslassen, bevor man weiß, ob es gelungen ist. Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum dieses Bild so sehr an eine Geburt erinnert, an der man dachte, man wollte darüber schreiben, bevor man dieses Bild sah – ein Prozess, den man beginnt, ohne das Ergebnis zu kennen, ein Werden, das einem selbst entzogen ist, sobald man es in Gang gesetzt hat.

    Das Hauptsujet ist zweifellos das Gerüst, dieses Provisorium, das strenger wirkt als das Haus, das es umschließt. Die Nebensujets – die Wiese, die Betonrohre, ein paar Halme im Wind, die sich unscharf durchs Bild ziehen – sind es, die die eigentliche Spannung tragen. Hier das Werden, dort das, was bereits war und bleiben wird, ganz gleich, was gebaut wird. Die Natur erduldet den Eingriff, ohne ihn zu kommentieren. Sie wächst weiter am Rand des Bauplatzes, gleichgültig und beharrlich.

    Es strahlt aus diesem Bild eine seltsame Zwiespältigkeit. Kein Vorwurf, keine Anklage gegen den Baufortschritt, aber auch keine Feier. Eher ein Innehalten. Ein Moment, in dem man begreift, dass jedes neue Zuhause zunächst ein Wunde in der Landschaft ist, bevor es zu einem Zuhause wird. Man denkt an Menschen, die eines Tages hinter diesen leeren Fenstern stehen werden, ohne zu ahnen, wie kahl, wie unfertig, wie fast schutzlos ihr zukünftiges Wohnzimmer einmal dagestanden hat, im Gras, unter einem Himmel, der zu hell war für ein gutes Foto und gerade deshalb das richtige Bild ergab.

    Man geht weiter durch die Ausstellung, aber das Gerüst bleibt im Kopf. Man fragt sich, ob es das Haus ist, das gerade geboren wird, oder ob es das Stück Land ist, das gerade stirbt – und ob beides vielleicht dasselbe sein muss, damit überhaupt etwas entstehen kann.