
Wie ein Bild entsteht, das ich nicht ganz selbst gemacht habe
Wenn ich vor diesem Bild stehe, sehe ich eine verwüstete Landschaft: zerborstene Balken, Splitter, Dornengestrüpp, dahinter eine Ortschaft mit Schornstein und Turm, wie ein Rest von etwas, das einmal lebendig war. Genau so soll es wirken. Und doch ist alles anders, als es scheint. Die Siedlung im Hintergrund ist eine Neubausiedlung, der „Trümmerhaufen“ ein fast zerfallener kleiner Baumstamm. Beides sind getrennte Aufnahmen, die ich nacheinander auf dasselbe Filmstück belichtet habe, ohne den Film weiterzutransportieren.
Ich arbeite mit Schwarzweißfilm, weil die Farbe nur ablenken würde. Ohne sie bleiben Struktur, Licht und Schatten. Der helle, aufgerissene Himmel steht gegen das dunkle Dickicht, die Körnung und die kleinen Kratzer geben dem Ganzen etwas Rohes, beinahe Dokumentarisches. Es ist, als hätte jemand diese Welt nach ihrem Untergang fotografiert.
Die Mehrfachbelichtung ist ein Spiel mit dem Zufall, und ich gebe zu: Ich plane weniger, als ich hoffe. Ich weiß, wo ich die Siedlung auf dem Negativ ungefähr haben möchte und wo der Stamm seine Diagonale ziehen soll. Aber was sich wirklich überlagert, sehe ich erst Wochen später im Entwicklerbad. Wo die erste Aufnahme helle Flächen hat, verschwindet die zweite. Wo beide dunkel sind, ersäuft das Bild in Schwärze. Ein Kamerasucher zeigt mir nur die jeweils aktuelle Szene, nie die Summe. Ich muss mir das fertige Bild vorstellen, Belichtungen zurücknehmen, damit sich beide Ebenen noch behaupten können, und mich dabei auf mein Gefühl verlassen. Ein Belichtungsmesser hilft mir kaum.
Dazu kommt das Format. Ich fotografiere 6×9, und auf einen Rollfilm passen nur acht Bilder. Rechnet man die Fehlversuche ein, bleiben für ein oder zwei brauchbare Ergebnisse oft ein ganzer Film und viele Stunden Arbeit übrig. Eine Aufnahme, die ich in Gedanken schon sehe, scheitert an einer falschen Belichtungszeit, an einem Horizont, der zwei Zentimeter zu hoch sitzt, oder an einem Himmel, der zu flächig bleibt. Man lernt Geduld, und man lernt, Fehler nicht als Verlust zu sehen, sondern als Auskunft darüber, was das Medium kann.
Und dann gibt es diese Momente, für die ich das alles auf mich nehme. Ich ziehe den Film aus der Entwicklerdose, halte ihn gegen das Licht, und plötzlich passt es. Die Balken ziehen den Blick durch das Bild in die Tiefe, die Siedlung schiebt sich wie von selbst in die Lücken, der Schornstein steht genau dort, wo er stehen muss. Nichts davon war sicher. Ich habe es mir nur gewünscht und dem Zufall eine Chance gegeben. Diese Freude ist schwer zu beschreiben: ein stilles Staunen, fast ein Gefühl von Dankbarkeit, dass etwas gelungen ist, das sich nicht erzwingen ließ.
Was ich zeigen wollte, ist ein Gefühl von Verlorenheit. Der weite Himmel öffnet sich, aber die zerstörten Dinge im Vordergrund engen den Blick ein. Die Ortschaft ist noch da, doch ihre Lebendigkeit wird fraglich. Schornstein und Turm erinnern an menschliche Tätigkeit und Baukunst, stehen aber wie stumme Überreste einer unterbrochenen Geschichte in dieser Landschaft. Dass es in Wirklichkeit ein Neubauviertel ist, finde ich reizvoll: Verfall und Anfang liegen in diesem Bild übereinander, so wie die beiden Belichtungen auf dem Film.
Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum ich diese Technik liebe. Sie erinnert mich daran, dass jedes Bild aus Schichten besteht, aus dem, was ich gesehen habe, und dem, was das Material daraus macht. Ich kontrolliere nur einen Teil davon, und den Rest überlasse ich dem Licht.
