Der Pfad

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Über einsame Spaziergänge, fotografisches Licht und den Versuch, aus Licht und Landschaft Bilder zu formen

Wenn ich auf dieses Bild schaue, sehe ich zuerst nicht den Pfad, sondern die Zeit. Fast fünfzig Jahre gehe ich nun schon diesen schmalen Weg, der sich hier, kurz vor der Weggabelung, zwischen dem dichten Gebüsch und dem offenen Feld hindurchschlängelt. Links, im Vordergrund, drängt sich ein alter Baum mit seiner rissigen Rinde ins Bild, umstanden von jungem Gehölz, dessen Blätter sich zu einer fast undurchdringlichen Wand verdichten. Rechts öffnet sich die Szene: ein Streifen Wiese, im Nebel verschwimmende Bäume am Horizont, und der Pfad selbst, der mit seinem Teppich aus Herbstlaub den Blick unaufhaltsam in die Tiefe zieht. Ein Hauptsujet im klassischen Sinn gibt es kaum – und genau das ist die Pointe. Das eigentliche Motiv ist das Licht.

An jenem Morgen war es kühl, der Nebel hatte sich fast, aber nicht ganz verzogen. Genau in diesem Zwischenzustand, wenn die Sonne die letzten Schleier auflöst, entsteht jenes weiche, diffuse Licht, das keine harten Schatten kennt. Es liegt gleichmäßig über allem, modelliert die Blätter nur sanft, lässt die Konturen des Feldes im Hintergrund verschwimmen und gibt dem Vordergrund dennoch genug Zeichnung, um die Textur der Rinde, das Geäst, die einzelnen Blätter lesbar zu machen. Es ist ein Licht ohne Aufdringlichkeit. Man bemerkt es kaum – und doch trägt es das ganze Bild.

Ich habe mir oft die Frage gestellt, warum mich dieses Licht mehr interessiert als das, was es beleuchtet. Ich glaube, es liegt daran, dass ein Sujet für sich genommen stumm bleibt. Ein Baum ist ein Baum, ein Feld ist ein Feld – bis das Licht es ergreift und ihm eine Stimmung, einen Moment, eine Vergänglichkeit einschreibt. Das Licht ist es, das aus der bloßen Anwesenheit der Dinge ein Ereignis macht. Es verwandelt den immer gleichen Pfad, den ich seit einem halben Jahrhundert gehe, jeden Tag aufs Neue.

Die Perspektive, die ich hier gewählt habe, ist niedrig und nah am Wegrand, sodass der Betrachter fast selbst am Anfang des Pfades zu stehen scheint, im Begriff, ihn zu betreten. Das Gebüsch links wirkt wie eine Schwelle, ein Durchgang, den man erst passieren muss, bevor sich der Blick weitet. Diese Komposition ist kein Zufall. Ein einsamer Spaziergang lebt von genau diesem Wechsel: von der Enge des Vertrauten, das einen umschließt, hin zur Weite des Unbestimmten, das sich am Horizont im Dunst auflöst.

Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum ich seit fünfzig Jahren immer wieder hierher zurückkehre. Nicht weil der Ort sich verändert, sondern weil ich mich an ihm verändere – und weil das Licht mir jedes Mal eine andere Version dieses Ortes zeigt. Die Emotion, die von diesem Bild ausgeht, ist keine laute. Es ist eine stille Melancholie, gepaart mit einer gewissen Ruhe, fast Zufriedenheit. Kein dramatisches Wetter, kein spektakulärer Himmel – nur das leise Aufatmen einer Landschaft, die sich vom Nebel löst.

Fotografieren heißt für mich, diesen flüchtigen Zustand festzuhalten, bevor er sich wieder auflöst. Der Pfad wird morgen noch da sein, das Gebüsch wird wachsen, der Baum wird älter werden – aber dieses Licht, an diesem einen kühlen Morgen, wird es nie wieder geben. Genau darin liegt für mich der stille Sinn eines einsamen Spaziergangs mit der Kamera: nicht die Welt abzubilden, wie sie ist, sondern jenen einen Augenblick zu bewahren, in dem sie für einen Herzschlag lang etwas Besonderes war.