Der Moment, bevor das Licht geht

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Es gibt diesen einen Augenblick beim Entwickeln, wenn der Film noch tropfnass in der Spirale hängt und man ihn gegen die Küchenlampe hält, nur um zu sehen, ob überhaupt etwas darauf ist.

Nichts Genaues, nur Schatten, die sich zu etwas ordnen wollen. Erst später, im Vergrößerer, wird aus dem Ahnen ein Bild. So war es auch mit diesem hier.

Ich hatte gewartet. Lange. Die Straßenkreuzung lag da wie hingelegt zum Fotografieren und trotzdem leer, wie es Straßen manchmal sind, wenn man sie am dringendsten braucht. Das Haus gegenüber, dieses schmale, hochgiebelige Gründerzeithaus, stand im letzten Licht, das nur der Spätsommer zu geben vermag: warm, tief, ein wenig traurig schon, weil man weiß, dass es gleich vorbei ist. Die Fensterreihen fingen die Sonne wie kleine Spiegel, die Bäume links im Bild waren schon fast schwarz, ein Vorhang aus Blättern, durch den nichts mehr durchkam. Ich hatte die Belichtung längst eingestellt, die Canonette lag bereit in der Hand, dieser kleine verlässliche Kasten, der nie fragt, nur klickt.

Und dann kam er. Aus dem Nichts, wie es einem vorkommt, wenn man zu lange auf etwas gewartet hat. Ein Radfahrer, von hinten, der genau in die Mitte der Straße hineinfuhr, dorthin, wo ich ihn haben wollte, ohne dass ich ihm etwas hätte sagen können. Er wusste ja nichts von mir. Er fuhr einfach nach Hause, oder wohin auch immer man an einem solchen Abend fährt, und wurde dabei, ohne es zu ahnen, zur Hauptfigur eines Bildes, das ohne ihn nur ein hübsches Haus gewesen wäre. Das Nebensächliche – der Mülleimer, das Verkehrsschild, die dunkle Fichte rechts, die beinahe drohend in den Himmel wächst – all das ordnet sich um ihn herum an, als hätte es nur auf ihn gewartet, um seinen Platz zu finden.

Was mich an der analogen Fotografie immer wieder festhält, ist genau dieses Nicht-Wissen. Man drückt ab und hat keine Ahnung, ob man es getroffen hat. Man vertraut der Kamera, dem Licht, sich selbst – und dem Zufall, der einem einen Radfahrer schickt, wenn man ihn braucht. Es ist eine stille Arbeit, fast eine demütige. Kein Bildschirm, der einem sofort recht gibt oder widerspricht. Nur das Warten, das Zählen der Bilder auf der Rolle, und später, viel später, das Entwickeln, bei dem man sich noch einmal an jenen Abend erinnert, an die Wärme des Asphalts, an das Gefühl, kurz davor gestanden zu haben, dass nichts mehr geschieht.

Auf dem Bild selbst liegt etwas Schwebendes. Die Schwarzweißtöne machen aus dem Sommerabend eine Erinnerung, noch bevor sie eine geworden ist. Der Radfahrer fährt von uns weg, in die Tiefe des Bildes hinein, dem Haus entgegen, das im Gegenlicht fast zu leuchten scheint. Man möchte ihm hinterherrufen, ihn festhalten, aber er ist schon halb im Licht verschwunden. Es bleibt nur dieses eine Bild – und die Gewissheit, dass man zur rechten Zeit am rechten Ort gestanden hat, mit einer Kamera, die einem vertraute.