
Eine Rückschau
Ich weiß noch, dass ich eigentlich nach Hause wollte. Der Himmel hatte sich zugezogen, die Luft roch nach Regen, und ich hatte den Kragen schon hochgeschlagen. Dann bog ich um die Ecke des Feldwegs, blickte auf und blieb stehen. Vor mir lag die Siedlung, und sie leuchtete.
Es ist ein merkwürdiges Leuchten, wenn weiße Fassaden das letzte Licht des Tages aufsaugen und noch einmal zurückgeben. Die langen, flachen Baukörper liegen in einer Reihe am Horizont wie ein gestrandetes Schiff, kubisch, sauber, beinahe kühl. Ihre Fenster sind kleine dunkle Rechtecke, und gerade weil so wenige von ihnen erleuchtet sind, wirken die Häuser wie Kulissen, die auf ihre Bewohner warten. Hinter und zwischen ihnen stehen die Silhouetten der Bäume, tiefschwarz und ohne Zeichnung, als hätte jemand sie mit dem Pinsel ausgeschnitten.
Darüber der Himmel. Er ist das eigentliche Drama dieses Bildes. Von links oben ziehen zerfaserte, dunkle Wolkenbänder herein, rechts türmt sich ein schwerer Cumulus auf, dessen Ränder noch ein Restlicht tragen, während sein Inneres schon im Dunkel versinkt. Diese Wolken sind nicht bedrohlich im Sinne eines Gewitterfilms, sie sind eher ernst. Sie erinnern mich daran, dass das Wetter nicht auf uns Rücksicht nimmt und dass es trotzdem schön sein kann.
Und mittendrin, klein und fast unscheinbar, der Halbmond. Er steht leicht oberhalb der Bildmitte, ein helles Stück Kreide im grauen Himmel. Ich habe ihn nicht in die Mitte gesetzt, und doch ist er der Punkt, an dem das Auge immer wieder landet. Er ist der ruhige Gegenspieler zu den unruhigen Wolken, ein Versprechen, dass über dem ganzen Grau noch etwas Klares existiert.
Unten schließlich das dunkle Feld. Es nimmt das untere Bilddrittel ein und wirkt wie ein Vorhang aus Samt, auf dem nichts geschieht. Ich liebe diese Leere. Sie gibt den weißen Häusern Raum zum Atmen und erzählt, dass hier vor Kurzem noch Acker war und dass diese Siedlung ein junger, noch ungewohnter Gast in der Landschaft ist. Eine kleine Spannung liegt darin: Das Neue steht am Rand des Alten, und der Mond, der seit Jahrmillionen über solchen Feldern steht, schaut zu.
Dass ich das Bild in Schwarzweiß entwickelt habe, war keine lange Überlegung. In Farbe hätte der Abend vermutlich gedämpft geblaut und ein wenig beliebig gewirkt. Im Schwarzweiß aber verwandelt sich alles in Form, Fläche und Kontrast. Das Weiß der Fassaden und das Weiß des Mondes sprechen miteinander über die ganze Bildbreite hinweg, und das Schwarz der Wolken und des Feldes rahmt sie ein. Die Szene bekommt etwas Filmisches, fast Zeitloses. Man könnte nicht sagen, ob sie aus den Fünfzigern oder aus dem vergangenen Sommer stammt.
Was mich am meisten beschäftigt, ist die Achtlosigkeit, mit der wir an solchen Orten vorbeigehen. Neubausiedlungen gelten selten als schön. Wir nennen sie austauschbar, kühl, seelenlos. Und dann genügt ein Streifen Abendlicht, ein paar Regenwolken und ein Mond, und aus dem Austauschbaren wird ein Ort mit Charakter. Nicht die Motive haben sich verändert, sondern mein Blick, oder vielleicht ehrlicher gesagt: das Licht hat mir erlaubt, genauer hinzusehen.
Ich glaube, das ist die eigentliche Lehre dieses Abends. Schlechtes Wetter ist kein Feind der Fotografie, sondern ihr Verbündeter. Sonniges Wetter zeigt uns die Dinge, wie sie sind. Ein Himmel voller Regenwolken zeigt uns, wie sie wirken können. Er zwingt zur Entscheidung, was wichtig ist, und belohnt den, der stehen bleibt, statt nach Hause zu eilen.
Wenn ich das Bild heute betrachte, spüre ich noch die feuchte Kühle und die Stille, die kurz vor einem Regen über dem Land liegt. Es ist eine Stille mit Erwartung, ein Innehalten. Ich bin froh, dass ich die Kamera dabeihatte, und noch froher, dass ich im richtigen Moment aufgeschaut habe.
