Fotografie und Geschichten

Blogbeiträge:

  • Verfall

    Wie ein Bild entsteht, das ich nicht ganz selbst gemacht habe

    Wenn ich vor diesem Bild stehe, sehe ich eine verwüstete Landschaft: zerborstene Balken, Splitter, Dornengestrüpp, dahinter eine Ortschaft mit Schornstein und Turm, wie ein Rest von etwas, das einmal lebendig war. Genau so soll es wirken. Und doch ist alles anders, als es scheint. Die Siedlung im Hintergrund ist eine Neubausiedlung, der „Trümmerhaufen“ ein fast zerfallener kleiner Baumstamm. Beides sind getrennte Aufnahmen, die ich nacheinander auf dasselbe Filmstück belichtet habe, ohne den Film weiterzutransportieren.

    Ich arbeite mit Schwarzweißfilm, weil die Farbe nur ablenken würde. Ohne sie bleiben Struktur, Licht und Schatten. Der helle, aufgerissene Himmel steht gegen das dunkle Dickicht, die Körnung und die kleinen Kratzer geben dem Ganzen etwas Rohes, beinahe Dokumentarisches. Es ist, als hätte jemand diese Welt nach ihrem Untergang fotografiert.

    Die Mehrfachbelichtung ist ein Spiel mit dem Zufall, und ich gebe zu: Ich plane weniger, als ich hoffe. Ich weiß, wo ich die Siedlung auf dem Negativ ungefähr haben möchte und wo der Stamm seine Diagonale ziehen soll. Aber was sich wirklich überlagert, sehe ich erst Wochen später im Entwicklerbad. Wo die erste Aufnahme helle Flächen hat, verschwindet die zweite. Wo beide dunkel sind, ersäuft das Bild in Schwärze. Ein Kamerasucher zeigt mir nur die jeweils aktuelle Szene, nie die Summe. Ich muss mir das fertige Bild vorstellen, Belichtungen zurücknehmen, damit sich beide Ebenen noch behaupten können, und mich dabei auf mein Gefühl verlassen. Ein Belichtungsmesser hilft mir kaum.

    Dazu kommt das Format. Ich fotografiere 6×9, und auf einen Rollfilm passen nur acht Bilder. Rechnet man die Fehlversuche ein, bleiben für ein oder zwei brauchbare Ergebnisse oft ein ganzer Film und viele Stunden Arbeit übrig. Eine Aufnahme, die ich in Gedanken schon sehe, scheitert an einer falschen Belichtungszeit, an einem Horizont, der zwei Zentimeter zu hoch sitzt, oder an einem Himmel, der zu flächig bleibt. Man lernt Geduld, und man lernt, Fehler nicht als Verlust zu sehen, sondern als Auskunft darüber, was das Medium kann.

    Und dann gibt es diese Momente, für die ich das alles auf mich nehme. Ich ziehe den Film aus der Entwicklerdose, halte ihn gegen das Licht, und plötzlich passt es. Die Balken ziehen den Blick durch das Bild in die Tiefe, die Siedlung schiebt sich wie von selbst in die Lücken, der Schornstein steht genau dort, wo er stehen muss. Nichts davon war sicher. Ich habe es mir nur gewünscht und dem Zufall eine Chance gegeben. Diese Freude ist schwer zu beschreiben: ein stilles Staunen, fast ein Gefühl von Dankbarkeit, dass etwas gelungen ist, das sich nicht erzwingen ließ.

    Was ich zeigen wollte, ist ein Gefühl von Verlorenheit. Der weite Himmel öffnet sich, aber die zerstörten Dinge im Vordergrund engen den Blick ein. Die Ortschaft ist noch da, doch ihre Lebendigkeit wird fraglich. Schornstein und Turm erinnern an menschliche Tätigkeit und Baukunst, stehen aber wie stumme Überreste einer unterbrochenen Geschichte in dieser Landschaft. Dass es in Wirklichkeit ein Neubauviertel ist, finde ich reizvoll: Verfall und Anfang liegen in diesem Bild übereinander, so wie die beiden Belichtungen auf dem Film.

    Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum ich diese Technik liebe. Sie erinnert mich daran, dass jedes Bild aus Schichten besteht, aus dem, was ich gesehen habe, und dem, was das Material daraus macht. Ich kontrolliere nur einen Teil davon, und den Rest überlasse ich dem Licht.

  • Der Pfad

    Über einsame Spaziergänge, fotografisches Licht und den Versuch, aus Licht und Landschaft Bilder zu formen

    Wenn ich auf dieses Bild schaue, sehe ich zuerst nicht den Pfad, sondern die Zeit. Fast fünfzig Jahre gehe ich nun schon diesen schmalen Weg, der sich hier, kurz vor der Weggabelung, zwischen dem dichten Gebüsch und dem offenen Feld hindurchschlängelt. Links, im Vordergrund, drängt sich ein alter Baum mit seiner rissigen Rinde ins Bild, umstanden von jungem Gehölz, dessen Blätter sich zu einer fast undurchdringlichen Wand verdichten. Rechts öffnet sich die Szene: ein Streifen Wiese, im Nebel verschwimmende Bäume am Horizont, und der Pfad selbst, der mit seinem Teppich aus Herbstlaub den Blick unaufhaltsam in die Tiefe zieht. Ein Hauptsujet im klassischen Sinn gibt es kaum – und genau das ist die Pointe. Das eigentliche Motiv ist das Licht.

    An jenem Morgen war es kühl, der Nebel hatte sich fast, aber nicht ganz verzogen. Genau in diesem Zwischenzustand, wenn die Sonne die letzten Schleier auflöst, entsteht jenes weiche, diffuse Licht, das keine harten Schatten kennt. Es liegt gleichmäßig über allem, modelliert die Blätter nur sanft, lässt die Konturen des Feldes im Hintergrund verschwimmen und gibt dem Vordergrund dennoch genug Zeichnung, um die Textur der Rinde, das Geäst, die einzelnen Blätter lesbar zu machen. Es ist ein Licht ohne Aufdringlichkeit. Man bemerkt es kaum – und doch trägt es das ganze Bild.

    Ich habe mir oft die Frage gestellt, warum mich dieses Licht mehr interessiert als das, was es beleuchtet. Ich glaube, es liegt daran, dass ein Sujet für sich genommen stumm bleibt. Ein Baum ist ein Baum, ein Feld ist ein Feld – bis das Licht es ergreift und ihm eine Stimmung, einen Moment, eine Vergänglichkeit einschreibt. Das Licht ist es, das aus der bloßen Anwesenheit der Dinge ein Ereignis macht. Es verwandelt den immer gleichen Pfad, den ich seit einem halben Jahrhundert gehe, jeden Tag aufs Neue.

    Die Perspektive, die ich hier gewählt habe, ist niedrig und nah am Wegrand, sodass der Betrachter fast selbst am Anfang des Pfades zu stehen scheint, im Begriff, ihn zu betreten. Das Gebüsch links wirkt wie eine Schwelle, ein Durchgang, den man erst passieren muss, bevor sich der Blick weitet. Diese Komposition ist kein Zufall. Ein einsamer Spaziergang lebt von genau diesem Wechsel: von der Enge des Vertrauten, das einen umschließt, hin zur Weite des Unbestimmten, das sich am Horizont im Dunst auflöst.

    Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum ich seit fünfzig Jahren immer wieder hierher zurückkehre. Nicht weil der Ort sich verändert, sondern weil ich mich an ihm verändere – und weil das Licht mir jedes Mal eine andere Version dieses Ortes zeigt. Die Emotion, die von diesem Bild ausgeht, ist keine laute. Es ist eine stille Melancholie, gepaart mit einer gewissen Ruhe, fast Zufriedenheit. Kein dramatisches Wetter, kein spektakulärer Himmel – nur das leise Aufatmen einer Landschaft, die sich vom Nebel löst.

    Fotografieren heißt für mich, diesen flüchtigen Zustand festzuhalten, bevor er sich wieder auflöst. Der Pfad wird morgen noch da sein, das Gebüsch wird wachsen, der Baum wird älter werden – aber dieses Licht, an diesem einen kühlen Morgen, wird es nie wieder geben. Genau darin liegt für mich der stille Sinn eines einsamen Spaziergangs mit der Kamera: nicht die Welt abzubilden, wie sie ist, sondern jenen einen Augenblick zu bewahren, in dem sie für einen Herzschlag lang etwas Besonderes war.

  • Der Mond über der Siedlung

    Eine Rückschau

    Ich weiß noch, dass ich eigentlich nach Hause wollte. Der Himmel hatte sich zugezogen, die Luft roch nach Regen, und ich hatte den Kragen schon hochgeschlagen. Dann bog ich um die Ecke des Feldwegs, blickte auf und blieb stehen. Vor mir lag die Siedlung, und sie leuchtete.

    Es ist ein merkwürdiges Leuchten, wenn weiße Fassaden das letzte Licht des Tages aufsaugen und noch einmal zurückgeben. Die langen, flachen Baukörper liegen in einer Reihe am Horizont wie ein gestrandetes Schiff, kubisch, sauber, beinahe kühl. Ihre Fenster sind kleine dunkle Rechtecke, und gerade weil so wenige von ihnen erleuchtet sind, wirken die Häuser wie Kulissen, die auf ihre Bewohner warten. Hinter und zwischen ihnen stehen die Silhouetten der Bäume, tiefschwarz und ohne Zeichnung, als hätte jemand sie mit dem Pinsel ausgeschnitten.

    Darüber der Himmel. Er ist das eigentliche Drama dieses Bildes. Von links oben ziehen zerfaserte, dunkle Wolkenbänder herein, rechts türmt sich ein schwerer Cumulus auf, dessen Ränder noch ein Restlicht tragen, während sein Inneres schon im Dunkel versinkt. Diese Wolken sind nicht bedrohlich im Sinne eines Gewitterfilms, sie sind eher ernst. Sie erinnern mich daran, dass das Wetter nicht auf uns Rücksicht nimmt und dass es trotzdem schön sein kann.

    Und mittendrin, klein und fast unscheinbar, der Halbmond. Er steht leicht oberhalb der Bildmitte, ein helles Stück Kreide im grauen Himmel. Ich habe ihn nicht in die Mitte gesetzt, und doch ist er der Punkt, an dem das Auge immer wieder landet. Er ist der ruhige Gegenspieler zu den unruhigen Wolken, ein Versprechen, dass über dem ganzen Grau noch etwas Klares existiert.

    Unten schließlich das dunkle Feld. Es nimmt das untere Bilddrittel ein und wirkt wie ein Vorhang aus Samt, auf dem nichts geschieht. Ich liebe diese Leere. Sie gibt den weißen Häusern Raum zum Atmen und erzählt, dass hier vor Kurzem noch Acker war und dass diese Siedlung ein junger, noch ungewohnter Gast in der Landschaft ist. Eine kleine Spannung liegt darin: Das Neue steht am Rand des Alten, und der Mond, der seit Jahrmillionen über solchen Feldern steht, schaut zu.

    Dass ich das Bild in Schwarzweiß entwickelt habe, war keine lange Überlegung. In Farbe hätte der Abend vermutlich gedämpft geblaut und ein wenig beliebig gewirkt. Im Schwarzweiß aber verwandelt sich alles in Form, Fläche und Kontrast. Das Weiß der Fassaden und das Weiß des Mondes sprechen miteinander über die ganze Bildbreite hinweg, und das Schwarz der Wolken und des Feldes rahmt sie ein. Die Szene bekommt etwas Filmisches, fast Zeitloses. Man könnte nicht sagen, ob sie aus den Fünfzigern oder aus dem vergangenen Sommer stammt.

    Was mich am meisten beschäftigt, ist die Achtlosigkeit, mit der wir an solchen Orten vorbeigehen. Neubausiedlungen gelten selten als schön. Wir nennen sie austauschbar, kühl, seelenlos. Und dann genügt ein Streifen Abendlicht, ein paar Regenwolken und ein Mond, und aus dem Austauschbaren wird ein Ort mit Charakter. Nicht die Motive haben sich verändert, sondern mein Blick, oder vielleicht ehrlicher gesagt: das Licht hat mir erlaubt, genauer hinzusehen.

    Ich glaube, das ist die eigentliche Lehre dieses Abends. Schlechtes Wetter ist kein Feind der Fotografie, sondern ihr Verbündeter. Sonniges Wetter zeigt uns die Dinge, wie sie sind. Ein Himmel voller Regenwolken zeigt uns, wie sie wirken können. Er zwingt zur Entscheidung, was wichtig ist, und belohnt den, der stehen bleibt, statt nach Hause zu eilen.

    Wenn ich das Bild heute betrachte, spüre ich noch die feuchte Kühle und die Stille, die kurz vor einem Regen über dem Land liegt. Es ist eine Stille mit Erwartung, ein Innehalten. Ich bin froh, dass ich die Kamera dabeihatte, und noch froher, dass ich im richtigen Moment aufgeschaut habe.

  • Vergänglichkeit

    Ein Vorhang hängt vor einem Fenster, karierter Stoff, von der Sonne ausgeblichen.

    Unten ist er zerrissen, als hätte ihn jemand mit den Händen aufgerissen, immer wieder, über Jahre. Das Licht fällt schräg hinein und zeichnet Falten wie Schatten einer Landschaft. Man sieht sofort: Dieser Vorhang hat Zeit hinter sich. Und genau das macht ihn zu einem guten Motiv für eine Serie, die „Vergänglichkeit“ heißt.

    Ich bin diesem Bild im Vorbeigehen begegnet. Kein Aufbau, kein Stativ, kein zweiter Versuch. Nur ein Blick, der hängen blieb, und die Kamera, die gerade zur Hand war. Vielleicht ist das der ehrlichste Zugang zu diesem Thema. Vergänglichkeit lässt sich schwer inszenieren. Sie zeigt sich eher dort, wo man sie nicht sucht, in einem Riss, einer Farbe, die verblasst ist, einem Stoff, der schon lange nicht mehr neu ist.

    Zeit ist in diesem Bild nicht als Ereignis zu sehen, sondern als Spur. Der Stoff war einmal ganz, einmal frisch gemustert, vielleicht sogar mit Stolz aufgehängt. Jetzt trägt er die Abnutzung eines langen Zeitraums, den niemand einzeln bemerkt hat. So verhält sich Zeit meistens: nicht in großen Schnitten, sondern in kleinem, beständigem Verschleiß. Man merkt es erst, wenn man genau hinschaut, so wie hier, in diesem Riss am unteren Rand.

    Es gibt einen Grund, warum ich für solche Motive gern zur analogen Kamera greife. Die analoge Fotografie hat selbst etwas Vergängliches an sich. Ein Film ist begrenzt, er hat sechsunddreißig Aufnahmen, nicht mehr. Jedes Bild kostet etwas, jede Belichtung ist eine Entscheidung, die nicht rückgängig gemacht werden kann. Man sieht das Ergebnis nicht sofort, sondern muss warten, bis der Film entwickelt ist. In dieser Zeit zwischen Aufnahme und Ergebnis liegt schon ein kleines Stück Vergänglichkeit: der Moment ist vorbei, bevor man weiß, ob er gelungen ist.

    Die digitale Fotografie kennt dieses Warten kaum noch. Ein Bild entsteht, wird sofort betrachtet, notfalls gelöscht und neu versucht. Das ist praktisch, aber es nimmt dem Moment etwas von seinem Gewicht. Bei der analogen Aufnahme bleibt der Augenblick unwiderruflich. Was durch das Objektiv fiel, ist auf dem Film, ganz gleich, ob scharf oder unscharf, ob das Licht passte oder nicht. Genau das passt zu einem Bild wie diesem Vorhang. Auch der Stoff kann seine Risse nicht zurücknehmen. Beide, Bild und Motiv, tragen die Zeit als Spur, nicht als Behauptung.

    Das Korn im Bild, dieses leichte Rauschen der analogen Aufnahme, verstärkt diesen Eindruck noch. Es ist selbst eine Art Verwitterung, ein Zeichen dafür, dass ein chemischer Prozess und kein Algorithmus hier gearbeitet hat. Die Fotografie altert mit ihrem Motiv, wenn auch anders. Digitale Bilder bleiben technisch makellos, solange die Datei erhalten ist. Analoge Bilder tragen die Unschärfen ihres eigenen Entstehens, fast so, als würden sie das Thema der Vergänglichkeit nicht nur zeigen, sondern selbst ein wenig teilen.

    Am Ende bleibt von diesem einen Blick im Vorbeigehen ein Bild, das mehr sagt, als es zunächst zeigt. Ein zerrissener Vorhang, ein Streiflicht, eine Aufnahme, die nicht geplant war. Vielleicht ist das die einfachste Definition von Vergänglichkeit: etwas, das man nur festhalten kann, während es schon vergeht.

  • Der Rohbau

    Man steht vor dem Bild und zunächst sieht man nur Gerüst. Stangen, Streben, Diagonalen, ein Gitterwerk aus Metall, das sich vor die Fassade legt wie ein Käfig vor ein Tier, das noch nicht weiß, ob es hinaus will.

    Erst nach einem Moment löst sich dahinter das eigentliche Haus heraus: drei, vier Stockwerke, roh, grau, mit leeren Fensterhöhlen, die noch keine Vorhänge kennen, keine Blumentöpfe, kein Licht am Abend. Ein Gebäude im Zustand des Werdens, das schon die Form trägt, die es einmal ausfüllen wird, und doch noch nichts davon versteht.

    Das Licht ist hart und flach zugleich, ein typisches Sommerlicht am helllichten Tag, das man eigentlich meidet, weil es keine Schatten schenkt, keine Dramatik, keine Gnade. Und genau das macht die Aufnahme ehrlich. Kein Kunstgriff, kein Abendrot, das die Wunde des Rohbaus hätte weichzeichnen können. Die Perspektive ist frontal, fast andächtig, wie man ein Porträt aufnimmt, wenn man will, dass der andere einen ansieht, ohne auszuweichen. Davor der Streifen Wiese, ungemäht, mit Gräsern, die sich nicht kümmern um Baupläne und Bebauungsordnung, und zwei runde Betonrohlinge im Gras liegen wie hingelegte Findlinge, wie Relikte, die schon da waren, bevor das Haus überhaupt gedacht wurde.

    Die Körnung des Films, das Schwarzweiß, der ausgeblichene Himmel – das alles verweist auf eine Kamera, die nicht rechnet, nicht nachjustiert, sondern nur festhält, was da ist. Die Canonette kennt keine Ausreden. Man drückt ab, und was man bekommt, bekommt man erst Tage später zu sehen, im Labor, im Zufall der Entwicklung. Das ist die Ruhe des analogen Fotografierens: man muss vertrauen. Man muss loslassen, bevor man weiß, ob es gelungen ist. Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum dieses Bild so sehr an eine Geburt erinnert, an der man dachte, man wollte darüber schreiben, bevor man dieses Bild sah – ein Prozess, den man beginnt, ohne das Ergebnis zu kennen, ein Werden, das einem selbst entzogen ist, sobald man es in Gang gesetzt hat.

    Das Hauptsujet ist zweifellos das Gerüst, dieses Provisorium, das strenger wirkt als das Haus, das es umschließt. Die Nebensujets – die Wiese, die Betonrohre, ein paar Halme im Wind, die sich unscharf durchs Bild ziehen – sind es, die die eigentliche Spannung tragen. Hier das Werden, dort das, was bereits war und bleiben wird, ganz gleich, was gebaut wird. Die Natur erduldet den Eingriff, ohne ihn zu kommentieren. Sie wächst weiter am Rand des Bauplatzes, gleichgültig und beharrlich.

    Es strahlt aus diesem Bild eine seltsame Zwiespältigkeit. Kein Vorwurf, keine Anklage gegen den Baufortschritt, aber auch keine Feier. Eher ein Innehalten. Ein Moment, in dem man begreift, dass jedes neue Zuhause zunächst ein Wunde in der Landschaft ist, bevor es zu einem Zuhause wird. Man denkt an Menschen, die eines Tages hinter diesen leeren Fenstern stehen werden, ohne zu ahnen, wie kahl, wie unfertig, wie fast schutzlos ihr zukünftiges Wohnzimmer einmal dagestanden hat, im Gras, unter einem Himmel, der zu hell war für ein gutes Foto und gerade deshalb das richtige Bild ergab.

    Man geht weiter durch die Ausstellung, aber das Gerüst bleibt im Kopf. Man fragt sich, ob es das Haus ist, das gerade geboren wird, oder ob es das Stück Land ist, das gerade stirbt – und ob beides vielleicht dasselbe sein muss, damit überhaupt etwas entstehen kann.

  • Der Moment, bevor das Licht geht

    Es gibt diesen einen Augenblick beim Entwickeln, wenn der Film noch tropfnass in der Spirale hängt und man ihn gegen die Küchenlampe hält, nur um zu sehen, ob überhaupt etwas darauf ist.

    Nichts Genaues, nur Schatten, die sich zu etwas ordnen wollen. Erst später, im Vergrößerer, wird aus dem Ahnen ein Bild. So war es auch mit diesem hier.

    Ich hatte gewartet. Lange. Die Straßenkreuzung lag da wie hingelegt zum Fotografieren und trotzdem leer, wie es Straßen manchmal sind, wenn man sie am dringendsten braucht. Das Haus gegenüber, dieses schmale, hochgiebelige Gründerzeithaus, stand im letzten Licht, das nur der Spätsommer zu geben vermag: warm, tief, ein wenig traurig schon, weil man weiß, dass es gleich vorbei ist. Die Fensterreihen fingen die Sonne wie kleine Spiegel, die Bäume links im Bild waren schon fast schwarz, ein Vorhang aus Blättern, durch den nichts mehr durchkam. Ich hatte die Belichtung längst eingestellt, die Canonette lag bereit in der Hand, dieser kleine verlässliche Kasten, der nie fragt, nur klickt.

    Und dann kam er. Aus dem Nichts, wie es einem vorkommt, wenn man zu lange auf etwas gewartet hat. Ein Radfahrer, von hinten, der genau in die Mitte der Straße hineinfuhr, dorthin, wo ich ihn haben wollte, ohne dass ich ihm etwas hätte sagen können. Er wusste ja nichts von mir. Er fuhr einfach nach Hause, oder wohin auch immer man an einem solchen Abend fährt, und wurde dabei, ohne es zu ahnen, zur Hauptfigur eines Bildes, das ohne ihn nur ein hübsches Haus gewesen wäre. Das Nebensächliche – der Mülleimer, das Verkehrsschild, die dunkle Fichte rechts, die beinahe drohend in den Himmel wächst – all das ordnet sich um ihn herum an, als hätte es nur auf ihn gewartet, um seinen Platz zu finden.

    Was mich an der analogen Fotografie immer wieder festhält, ist genau dieses Nicht-Wissen. Man drückt ab und hat keine Ahnung, ob man es getroffen hat. Man vertraut der Kamera, dem Licht, sich selbst – und dem Zufall, der einem einen Radfahrer schickt, wenn man ihn braucht. Es ist eine stille Arbeit, fast eine demütige. Kein Bildschirm, der einem sofort recht gibt oder widerspricht. Nur das Warten, das Zählen der Bilder auf der Rolle, und später, viel später, das Entwickeln, bei dem man sich noch einmal an jenen Abend erinnert, an die Wärme des Asphalts, an das Gefühl, kurz davor gestanden zu haben, dass nichts mehr geschieht.

    Auf dem Bild selbst liegt etwas Schwebendes. Die Schwarzweißtöne machen aus dem Sommerabend eine Erinnerung, noch bevor sie eine geworden ist. Der Radfahrer fährt von uns weg, in die Tiefe des Bildes hinein, dem Haus entgegen, das im Gegenlicht fast zu leuchten scheint. Man möchte ihm hinterherrufen, ihn festhalten, aber er ist schon halb im Licht verschwunden. Es bleibt nur dieses eine Bild – und die Gewissheit, dass man zur rechten Zeit am rechten Ort gestanden hat, mit einer Kamera, die einem vertraute.

  • Waldimpression

    Der Film ist noch feucht, als ich ihn zum ersten Mal gegen das Licht halte, und für einen Moment erkenne ich nichts als ein Zittern aus Schwarz und Weiß.

    Dann, langsam, wie ein Gesicht, das aus dem Nebel eines Traums auftaucht, ordnet sich das Chaos. Äste. Blätter. Ein Wald, der sich selbst überlagert hat, als hätte er sich nicht entscheiden können, welche seiner tausend Gestalten er mir zeigen will.

    Ich habe die Adox Golf mitgenommen, dieses alte, störrische Ding aus einer Zeit, in der Kameras noch Charakter hatten und einen nicht bei jedem Fehler gnädig korrigierten. Kein Motor, kein automatischer Filmtransport, der mich vor mir selbst schützt. Genau das wollte ich. Ich habe denselben Rahmen des Rollfilms immer wieder belichtet, die Kamera jedes Mal ein Stück versetzt, ein Zufallsschritt zwischen den Bäumen, und das Licht hat sich Schicht um Schicht in die Emulsion gefressen, wie Erinnerung sich in ein Gedächtnis frisst, das nie ganz vergisst und nie ganz behält.

    Was ich jetzt vor mir sehe, ist kein Foto im gewöhnlichen Sinn. Es ist ein Palimpsest. Ein Text, über den man einen anderen Text geschrieben hat, und darüber noch einen, bis die Wörter sich zu einem Gemurmel verdichten, das man nicht mehr entziffern, nur noch erahnen kann. Die Stämme laufen senkrecht durchs Bild wie Linien einer Schrift, die niemand mehr lesen kann, und dazwischen bricht das Licht in weißen Flecken auf, kleine Explosionen der Helligkeit, die sich über die dunklen Massen der Blätter legen wie Schnee, der nie den Boden erreicht.

    Im Zentrum – und ich sage das zögernd, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich es sehe oder ob mein Auge es dort hineinlegt, weil es dort etwas sehen will – erkenne ich eine Gestalt. Eine Art Handlung, wie ich es vorhin genannt habe, ein Vorgang, der sich zwischen den Ästen abzuspielen scheint. Zwei sich kreuzende dunkle Linien, die sich in der Bildmitte begegnen, fast wie Arme, fast wie ein Zusammenstoß, fast wie eine Umarmung. Das Gehirn, dieses unermüdliche Muster-Suchgerät, will darin eine Szene erkennen, ein Drama, einen Moment, der gleich vorüber sein wird. Aber es gibt keine Figuren. Es gibt nur Äste. Und doch – wenn ich lange genug hinsehe, beginnt sich etwas zu bewegen, das sich eigentlich nicht bewegen kann, denn es ist längst erstarrt, längst vergangen, eine Sekunde, die sich mehrmals selbst überschrieben hat und die ich jetzt, Wochen später, in der Dunkelkammer wieder aufwecke.

    Die Lichtstimmung ist eine, die ich nur als flirrend bezeichnen kann. Kein Sonnenlicht, das direkt fällt, sondern eines, das durch tausend kleine Öffnungen im Blätterdach bricht, gefiltert, gebrochen, vervielfacht durch die Mehrfachbelichtung, bis der ganze obere Bildbereich zu vibrieren scheint. Nach oben hin wird es heller, fast überstrahlt, zwei helle Zonen wie zwei Augen, die durch das Blattwerk blinzeln. Nach unten hin sinkt das Bild in eine Schwärze, die nicht leer ist, sondern dicht, voller Andeutungen von Gras, von Wurzeln, von etwas Unbestimmtem, das sich im Dunkel des Waldbodens verbirgt. Zwischen diesen beiden Polen – oben das Licht, unten das Dunkel – hängt die eigentliche Szenerie, eine vertikale Welt aus Stämmen, die keine Tiefe im klassischen Sinn mehr hat, sondern eine Art gestapelte Fläche, Ebene auf Ebene, wie ein Bühnenbild, bei dem alle Kulissen gleichzeitig auf der Bühne stehen.

    Die Perspektive ist die eines Menschen, der mitten im Dickicht steht und den Kopf leicht in den Nacken legt, ohne die Absicht, irgendetwas Bestimmtes zu finden. Kein Horizont, keine Fluchtlinie, die das Auge führt. Man ist einfach dort, umgeben, fast eingeschlossen, und man kann nicht sagen, ob der Wald einen beschützt oder einen gefangen hält.

    Und die Emotion – ich zögere, dieses Wort zu benutzen, denn Bäume haben keine Gefühle, aber ein Bild, das aus ihnen gemacht wurde, kann welche wecken. Es ist eine Mischung aus Unruhe und Geborgenheit, ein Gefühl, das ich aus manchen Träumen kenne, in denen man weiß, dass man sich in einem vertrauten Ort befindet, ohne ihn wiederzuerkennen. Etwas Elegisches liegt darüber, ein Abschiednehmen von der Eindeutigkeit der Dinge.

    Ich stelle mir vor, wie eine Kuratorin dieses Bild in einer stillen, weiß getünchten Galerie betrachten würde. Sie würde vielleicht sagen, dass hier die fotografische Wahrheit selbst befragt wird – dass eine Kamera normalerweise verspricht, einen Moment festzuhalten, während dieses Bild das Gegenteil tut: Es hält viele Momente gleichzeitig fest und verweigert damit die Eindeutigkeit, die man von einer Fotografie erwartet. Sie würde von der Geste des ständigen Versetzens sprechen als einer Handlung, die der Zufälligkeit der Erinnerung selbst gleicht, und vom Bild als einem Ort, an dem Zeit nicht linear verläuft, sondern sich wie die Äste selbst verzweigt und wieder verschränkt. Vielleicht würde sie es neben ein Werk von Hiroshi Sugimoto hängen, oder neben eine der doppelbelichteten Traumlandschaften früher Piktorialisten, und den Betrachter bitten, nicht zu suchen, was das Bild zeigt, sondern zu spüren, was es in ihm auslöst.

    Ich selbst weiß nicht, ob ich einen Wald fotografiert habe oder eine Erinnerung an einen Wald, die mehrfach überschrieben wurde, bis das Original nicht mehr auffindbar ist. Vielleicht ist das die eigentliche Wahrheit jeder Erinnerung: dass sie nie das erste Bild bleibt, sondern immer schon die Summe aller Bilder, die sich über sie gelegt haben. Der Film in meiner Hand zeigt mir keinen Wald. Er zeigt mir, wie ein Wald sich anfühlt, wenn man ihn zu oft durchquert hat, um sich noch an den ersten Weg zu erinnern.

  • Am Fenster

    Es gibt Momente, in denen eine Kamera nicht fotografiert, sondern lauscht.

    So war es an jenem Nachmittag, als ich die Canonette vom Tisch nahm, ohne recht zu wissen, warum. Das Licht draußen war nicht hell, nicht dunkel – es war das Licht eines Tages, der sich nicht entscheiden konnte, ob er dem Sommer noch gehört oder schon dem Herbst zuneigt. Ein Licht, das durch Blätter fällt und dabei etwas von seiner Eindeutigkeit verliert, bis es nur noch aus Flecken besteht, aus Unruhe und Zittern.

    Ich stand im Zimmer, das Fenster vor mir wie ein altes Gesicht mit vier Augen, geteilt von einem dunklen Kreuz aus Holz. Jahrzehnte an Farbe und Wetter hatten den Rahmen schwarz werden lassen, fast wie Tusche. Und durch dieses Kreuz hindurch, durch die vier Felder, sah ich die Welt in Ausschnitten – so, wie man sich manchmal an ein Leben erinnert: nicht als Fluss, sondern als vier getrennte Bilder, die man später zusammensetzen muss.

    Im oberen linken Feld ein Wagen, hell und reglos, halb verborgen zwischen Ästen, als hätte er sich dorthin verirrt und beschlossen zu bleiben. Daneben, im rechten Feld, etwas Spitzes, Zeltartiges, das sich zwischen den Bäumen erhob wie ein kleines Segel, das nie zum Meer gefunden hat. Ich weiß bis heute nicht genau, was es war – ein Pavillon, ein Unterstand, vielleicht nur ein Schatten, der sich zu einer Form verdichtet hatte. Manche Dinge muss man nicht auflösen. Man darf sie stehen lassen, so wie man einen Satz manchmal offen lässt.

    Und dann, im unteren Feld, ein Mann. Er ging, ohne zu eilen, den Weg entlang, eine Tasche über der Schulter, den Kopf leicht gesenkt, als würde er etwas suchen, das er selbst schon vergessen hatte, warum er es suchte. Ich beobachtete ihn durch das Glas, durch die Bäume, durch das Licht – und für einen Wimpernschlag hatte ich das Gefühl, ich sehe nicht einen Fremden, sondern eine Erinnerung an mich selbst, aus einer Zeit, in der ich noch nicht wusste, wohin ich gehörte. Er ging vorbei, ohne aufzuschauen. Vielleicht hat er das Fenster gar nicht bemerkt. Vielleicht bin ich ihm nie wirklich begegnet, sondern nur seinem Schatten, der zufällig durch mein Blickfeld wanderte, während ich den Auslöser drückte.

    Vor mir, auf der Fensterbank, standen drei kleine Lichtträger – aus schwarzem Eisen geschmiedet, wie dürre Äste, die sich zu Kerzenhaltern verzweigt hatten. In ihnen glänzte Glas: ein facettiertes Windlicht, ein zweites mit feinem Rautenmuster, dazwischen eine schlichte Kerze, ungebraucht, wartend. Sie standen da wie kleine Wächter zwischen mir und der Welt draußen, zwischen dem Innen, das nach Ruhe roch, und dem Draußen, das sich in stetiger, lautloser Bewegung befand. Ich dachte, während ich sie ansah, an all die Abende, an denen man ein Licht entzündet, nicht weil man das Dunkel fürchtet, sondern weil man dem Moment eine Form geben will. Ein Ritual, das älter ist als jede Erklärung dafür.

    Rechts im Bild, halb im Schatten, lehnte ein dunkler Ordner oder eine Mappe gegen das Glas – etwas Angefangenes, Unfertiges, das darauf wartete, weitergeführt zu werden. Vielleicht Notizen, vielleicht nur leere Seiten. Ich mag Bilder, die ein Geheimnis behalten. Man muss nicht alles zeigen, um etwas zu erzählen.

    Was mich an diesem Nachmittag am meisten berührte, war die Art, wie Nähe und Ferne sich in einem einzigen Rahmen begegneten. Vorne das Vertraute – Glas, Metall, das leise Versprechen eines Lichts, das gleich brennen wird. Hinten das Vorübergehende – ein Baum, der sich im Wind bewegt, ein Auto, das irgendwann wegfahren wird, ein Mensch, der schon fast wieder verschwunden ist, kaum dass ich ihn bemerkt hatte. Zwischen beidem: das Fenster. Nicht Trennung, eher Übersetzung. Ein Ort, an dem sich zwei Geschwindigkeiten begegnen dürfen, ohne sich zu stören.

    Die alte Kamera, mit der ich das festhielt, kennt keine Eile. Man dreht, man misst, man wartet auf das Klicken des Verschlusses, das sich anfühlt wie ein kleines Versprechen. Kein Bildschirm zeigt einem sofort, was man eingefangen hat. Man muss dem Moment vertrauen, so wie man manchmal einem Menschen vertraut, ohne zu wissen, wie die Geschichte endet. Vielleicht ist das der Grund, warum solche Bilder anders wirken – körniger, unruhiger, ehrlicher. Sie zeigen nicht, was war, sondern was gefühlt wurde, während es war.

    Ich weiß nicht, wer der Mann auf dem Weg war. Ich weiß nicht, wessen Wagen dort im Grün parkte, oder wozu das kleine spitze Dach zwischen den Bäumen einmal gedient hat. Aber ich weiß, dass ich für einen Augenblick am Fenster stand, das Licht der Kerzen noch ungezündet vor mir, die Welt draußen in Bewegung, und dass in diesem Moment beides gleich viel Gewicht hatte: das Kleine, Stille auf der Fensterbank und das Große, Flüchtige dahinter.

    Manchmal braucht es kein besonderes Motiv, um ein Bild zu machen. Manchmal reicht ein Fenster, ein bisschen Licht und die Geduld, einen Moment lang wirklich hinzuschauen.

  • Der leere Sandkasten

    Über ein Foto aus meiner Spielplatz-Serie

    Ich weiß noch, wie ich vor der Szene stand, meine Kamera in der Hand, und wie mir das Licht Sorgen machte, weil es keines war, das man fassen konnte. Der Himmel hing weiß und dicht über den Bäumen, ohne Sonne, ohne Richtung, ein Licht von überall und nirgendwo.

    Ich hatte gehofft, der Morgen würde sich klären. Er tat es nicht. Stattdessen blieb dieser Nebel, dieses Zwischending aus Tag und Dämmerung, das jede Kontur weich macht und jede Farbe verschluckt. Das war das Bild, das ich erwartete. Nicht trotz des Nebels, sondern wegen ihm.

    Vor mir lag die Wiese, grün eigentlich, aber auf dem Schwarzweißfoto nur noch ein dunkles, körniges Feld, übersät mit kleinen weißen Punkten. Lichtreflexe, die im diffusen Licht wie Funken aufblitzten.

    Ich erinnere mich, dass ich mich gebückt habe, um die Kamera tief zu halten, auf Höhe des Grases fast, damit die Wiese den ganzen unteren Bildrand einnimmt und der Betrachter das Gefühl bekommt, selbst darin zu stehen, die Knie nass vom Morgen. Diese Perspektive war keine Entscheidung des Verstandes. Sie kam aus meinem Körper, aus dem Bedürfnis, klein zu werden vor dem, was ich fotografierte.

    Und in der Mitte dieser Wiese: der Sandkasten. Ein einfaches Holzviereck, nicht mehr, keine Schaufel, kein Eimer, keine Fußspur im Sand. Ich hatte ihn nicht gesucht, ich bin über ihn gestolpert, im wörtlichen Sinn beinahe, auf einem Spaziergang durch einen morgendlichen Park.

    Jetzt lag er da, verlassen, der Sand darin fein und hell wie eine kleine Bühne ohne Schauspieler. Etwas in mir hielt inne. Ein Sandkasten ist ja nie nur ein Sandkasten – er ist ein Versprechen an die Zukunft, ein reservierter Platz für Lärm, für kleine Hände, für Nachmittage, die noch nicht stattgefunden haben oder längst vorbei sind.

    Dass er leer war, in diesem Licht, umgeben von nichts als Parkbäumen, machte ihn zu etwas anderem: zu einem Denkmal für eine Abwesenheit, die ich nicht benennen konnte.

    Ich habe lange überlegt, wie viel Himmel ich zulassen sollte. Am Ende war es viel, fast zu viel, ein Weiß, das an den Rändern der Kamera schon ins Nichts überging, vignettiert, verschluckt von der Optik selbst. Dahinter, wie eine Mauer, die Bäume. Birkenstämme, die sich hell aus dem Blätterdickicht schälten, aber sonst: Dunkelheit, dicht, fast undurchdringlich, eine Wand aus Grün, die im Schwarzweiß zu einem einzigen schweren Block wurde. Ich wollte, dass die Bäume bedrängend wirkten, ohne bedrohlich zu sein. Sie sollten einfach da sein, unbeweglich, älter als der Sandkasten, älter als jedes Kind, das je in ihm gespielt hat oder spielen wird.

    Zwischen den Bäumen und dem kleinen, hellen Rechteck aus Holz und Sand liegt der ganze Unterschied zwischen dem, was der Mensch baut, und dem, was einfach wächst.

    Was mich an diesem Bild bis heute beeindruckt, ist die Stille. Nicht die akustische – natürlich war es still, es war früh, es war neblig –, sondern eine Stille, die der Komposition selbst immanent ist. Kein Wind in den Blättern, keine Bewegung im Sand, kein Mensch im Bild. Nur Licht, das sich nicht entscheiden kann, und ein Ort, der auf jemanden wartet. Ich glaube, ich habe in diesem Moment nicht den Sandkasten fotografiert, sondern das Warten selbst.

  • Die einsame Rutsche

    Eine Metapher der modernen Existenz

    In der Stille des herannahenden Abends, an einem warmen Julitag, sehe ich während eines Fotospaziergangs auf einem einsamen Spielplatz eine einzelne Rutsche auf einem angeschütteten Hügel. Ein schlichtes Edelstahlgerüst, glänzend im Abendlicht, das trotzig vor dem dichten Vorhang aus Laub und Schatten im Hintergrund steht.

    Das Bild, das ich sah, war mehr als das eines verlassenen Spielplatzes. Es war eine Metapher für die conditio humana in einer spätmodernen Gesellschaft: die Einsamkeit des Individuums inmitten scheinbarer Fülle, die Vergänglichkeit kindlicher Freude und die leise Beharrlichkeit des Menschlichen angesichts der überwuchernden Natur der Zeit.

    Die zentrale Position der Rutsche, die sich vertikal aus dem
    grasbewachsenen Hügel erhob, symbolisierte für mich den menschlichen Drang nach Aufstieg und Abstieg – den Lebensweg selbst. Von unten betrachtet wirkte sie monumental, fast erhaben, doch die vielen Bäume, die sie umschlossen, erinnerten an die gesellschaftlichen Strukturen, die uns einengen. Die Schallschutzwände einer angrenzenden Bahntrasse, halb verborgen im Laub, stehen für die Zuschauer unserer Existenz:
    Familie, Gesellschaft und Institutionen, die einst applaudiert haben, nun aber verblasst sind. Ich wusste, das würde ein Foto von zeitloser Qualität werden.

    Farben wären zu lebendig gewesen für eine Szene, die vom Verlust
    erzählt. Deshalb freute es mich, dass meine Canon auf ein
    Schwarzweißprogramm eingestellt war. Die diffusen Grautöne schufen eine melancholische Gleichmäßigkeit, die weder Hoffnung noch Verzweiflung überbetonte – genau wie das Leben in unserer Zeit, das oft in gedämpften Tönen verläuft. Diese einsame Rutsche verkörperte die selbstgewählte Isolation des modernen Menschen.

    In einer Welt der Hyperkonnektivität stehen wir allein auf unserem
    Hügel. Wir klettern hinauf, rutschen hinunter, wiederholen den Zyklus, doch die Bäume wachsen weiter, die Blätter verdunkeln den Himmel. Die Rutsche, einst Ort kollektiven Lachens, steht nun als Mahnmal der Individualisierung: Jeder muss seinen eigenen Abstieg meistern.

    Der grasbewachsene Hügel, weich und einladend aus der Ferne, erweist sich bei genauerer Betrachtung als anstrengender Aufstieg – eine Metapher für die Mühen des Erwachsenwerdens, die Karriereleiter und die persönliche Entwicklung, die uns von der unbeschwerten Kindheit trennen. Gleichzeitig strahlt das Bild eine tiefe Resilienz aus.

    Die Rutsche rostet nicht; sie steht aufrecht. Sie trotzt den Elementen wie der menschliche Geist inmitten gesellschaftlicher Entfremdung. In Zeiten von Klimakrise, Digitalisierung und dem Zerfall traditioneller Gemeinschaften erinnert sie uns daran, dass selbst in der Überwucherung Schönheit und Sinn entstehen können.

    Der Weg nach oben ist steil, der Abstieg schnell – doch beides ist
    notwendig.

    Die Emotion der Szene ist keine reine Trauer, sondern eine poetische Akzeptanz: Die Natur holt sich zurück, was ihr gehört, und lässt doch Spuren menschlicher Präsenz bestehen. Letztlich lädt die einsame Rutsche zur Reflexion ein: Wann haben wir aufgehört, gemeinsam zu rutschen? Wann wurde der Spielplatz zur bloßen Kulisse? In einer Gesellschaft, die Kindheit idealisiert, aber das Erwachsensein zunehmend problematisiert, mahnt dieses Bild zur Rückbesinnung.

    Wir müssen lernen, neue Hügel zu erklimmen, neue Rutschen zu bauen – oder wenigstens die alten zu pflegen. Denn in der Stille dieses schwarz-weißen Moments liegt die Wahrheit: Das Leben ist ein kurzer, steiler Rutsch, umgeben von wachsenden Bäumen. Es liegt an uns, ihn mit Würde und leiser Freude anzunehmen.

  • Der verlassene Spielplatz

    Eine Metapher für den Verlust kindlicher Unschuld in unserer zerrissenen Gesellschaft ist ein verlassener Spielplatz

    In dieser schwarz-weißen Fotografie eines verlassenen Spielplatzes entfaltet sich für mich eine Szene voller Melancholie und stiller Rebellion.

    Im Vordergrund dominieren Spielgeräte: links eine kleinere Struktur mit schräger Rampe und Dach, rechts eine größere Anlage mit Treppe, Plattformen und einer langen Rutsche. Das Hauptmotiv ist diese künstliche Burg meiner Kindheit – Symbol für Abenteuer und kindliche Freude.

    Dichte, dunkle Bäume im Hintergrund rahmen den Ort wie ein undurchdringlicher Vorhang der Isolation ein, während Graffiti wie „ACAB“ auf den Paneelen der linken Struktur von jugendlichem Protest zeugen.

    Weitere Tags und Kritzeleien ergänzen das Bild einer entweihten Unschuld.

    Die tiefen Schwarztöne der Bäume und Strukturen kontrastieren mit helleren Grautönen des Bodens und der Geräte. Das Licht ist diffus, bewölkt, mit langen Schatten, die eine düstere, nachdenkliche Stimmung erzeugen – als ob die Dämmerung einer Ära angebrochen wäre.

    Die Perspektive des Bildes ist auf Augenhöhe, leicht weitwinkelig durch ein 40-mm-Objektiv meiner Canon, das den Betrachter einlädt, in die Leere einzutreten, ohne einen Fluchtpunkt voller Hoffnung.

    Diese Szene weckt in mir Gefühle von Verlassenheit, Nostalgie und unterschwelliger Traurigkeit. Die Leere des Spielplatzes ruft das Echo von verlorenem Lachen hervor, während die Graffiti von gesellschaftlicher Frustration künden. Die Rutsche, einst Symbol für sorglosen Abstieg in die Freude, wird für mich zur Metapher für den unaufhaltsamen Fall in die gesellschaftlichen Abgründe unserer Zeit.

    Die „ACAB“-Schmiererei markiert den Übergang von kindlicher Naivität zu erwachsenem Zynismus gegenüber Autoritäten unseres Zusammenlebens. In einer Welt, in der Spielplätze zu Bühnen des Protests werden, spiegelt sich der Verlust kollektiver Unschuld wider. Die dunklen Bäume symbolisieren die undurchdringliche soziale Isolation und Kälte, die kindliche Räume immer mehr verschlingen und unmöglich machen.

    Das Bild mahnt durch diese visuelle Allegorie zur Reflexion: Wie können wir Spielplätze der Hoffnung in einer fragmentierten Gesellschaft wiederbeleben?

  • Das Projekt

    Die Magie des Alltäglichen einfangen

    Herzlich willkommen zu meinem neuen Fotoprojekt, das sich der Schönheit des Alltäglichen widmet. In den kommenden Wochen werde ich hier Texte und Fotos veröffentlichen, die Momente aus dem täglichen Leben in den Fokus rücken – jene Augenblicke, die oft übersehen werden, aber voller Geschichten und Emotionen stecken.

    Warum das Alltägliche?

    In unserer schnelllebigen Welt neigen wir dazu, das Gewöhnliche als selbstverständlich zu betrachten. Doch gerade in den kleinen Details – ein Sonnenstrahl, der durch das Fenster fällt, eine verblasste Hauswand, die Spuren der Zeit trägt, oder ein Lächeln eines Fremden – liegt eine besondere Magie. Mein Ziel ist es, diese Momente festzuhalten und sie mit Ihnen zu teilen, um die Schönheit im Verborgenen sichtbar zu machen.

    Der Prozess hinter den Fotos

    Jedes Bild entsteht aus einer bewussten Beobachtung und einer Portion Geduld. Oft sind es spontane Aufnahmen, die die ehrlichsten Geschichten erzählen. Begleitet werde ich von meiner Kamera, die zum ständigen Begleiter wird und mich dazu ermutigt, die Welt mit offenen Augen zu sehen.

    Was Sie erwartet

    Neben den Fotos werde ich auch kurze Texte verfassen, die meine Gedanken und Gefühle zu den jeweiligen Momenten widerspiegeln. Vielleicht regen sie Sie dazu an, selbst inne zuhalten und Ihre Umgebung mit neuen Augen wahrzunehmen. Jede Woche soll ein neues Foto mit Text erscheinen, ca. 52 mal im Jahr.

    Ich freue mich darauf, diese Reise mit Ihnen zu teilen und hoffe, dass Sie in den kommenden Beiträgen Inspiration und Freude finden werden.