Schlagwort: Erinnerung

  • Waldimpression

    Der Film ist noch feucht, als ich ihn zum ersten Mal gegen das Licht halte, und für einen Moment erkenne ich nichts als ein Zittern aus Schwarz und Weiß.

    Dann, langsam, wie ein Gesicht, das aus dem Nebel eines Traums auftaucht, ordnet sich das Chaos. Äste. Blätter. Ein Wald, der sich selbst überlagert hat, als hätte er sich nicht entscheiden können, welche seiner tausend Gestalten er mir zeigen will.

    Ich habe die Adox Golf mitgenommen, dieses alte, störrische Ding aus einer Zeit, in der Kameras noch Charakter hatten und einen nicht bei jedem Fehler gnädig korrigierten. Kein Motor, kein automatischer Filmtransport, der mich vor mir selbst schützt. Genau das wollte ich. Ich habe denselben Rahmen des Rollfilms immer wieder belichtet, die Kamera jedes Mal ein Stück versetzt, ein Zufallsschritt zwischen den Bäumen, und das Licht hat sich Schicht um Schicht in die Emulsion gefressen, wie Erinnerung sich in ein Gedächtnis frisst, das nie ganz vergisst und nie ganz behält.

    Was ich jetzt vor mir sehe, ist kein Foto im gewöhnlichen Sinn. Es ist ein Palimpsest. Ein Text, über den man einen anderen Text geschrieben hat, und darüber noch einen, bis die Wörter sich zu einem Gemurmel verdichten, das man nicht mehr entziffern, nur noch erahnen kann. Die Stämme laufen senkrecht durchs Bild wie Linien einer Schrift, die niemand mehr lesen kann, und dazwischen bricht das Licht in weißen Flecken auf, kleine Explosionen der Helligkeit, die sich über die dunklen Massen der Blätter legen wie Schnee, der nie den Boden erreicht.

    Im Zentrum – und ich sage das zögernd, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich es sehe oder ob mein Auge es dort hineinlegt, weil es dort etwas sehen will – erkenne ich eine Gestalt. Eine Art Handlung, wie ich es vorhin genannt habe, ein Vorgang, der sich zwischen den Ästen abzuspielen scheint. Zwei sich kreuzende dunkle Linien, die sich in der Bildmitte begegnen, fast wie Arme, fast wie ein Zusammenstoß, fast wie eine Umarmung. Das Gehirn, dieses unermüdliche Muster-Suchgerät, will darin eine Szene erkennen, ein Drama, einen Moment, der gleich vorüber sein wird. Aber es gibt keine Figuren. Es gibt nur Äste. Und doch – wenn ich lange genug hinsehe, beginnt sich etwas zu bewegen, das sich eigentlich nicht bewegen kann, denn es ist längst erstarrt, längst vergangen, eine Sekunde, die sich mehrmals selbst überschrieben hat und die ich jetzt, Wochen später, in der Dunkelkammer wieder aufwecke.

    Die Lichtstimmung ist eine, die ich nur als flirrend bezeichnen kann. Kein Sonnenlicht, das direkt fällt, sondern eines, das durch tausend kleine Öffnungen im Blätterdach bricht, gefiltert, gebrochen, vervielfacht durch die Mehrfachbelichtung, bis der ganze obere Bildbereich zu vibrieren scheint. Nach oben hin wird es heller, fast überstrahlt, zwei helle Zonen wie zwei Augen, die durch das Blattwerk blinzeln. Nach unten hin sinkt das Bild in eine Schwärze, die nicht leer ist, sondern dicht, voller Andeutungen von Gras, von Wurzeln, von etwas Unbestimmtem, das sich im Dunkel des Waldbodens verbirgt. Zwischen diesen beiden Polen – oben das Licht, unten das Dunkel – hängt die eigentliche Szenerie, eine vertikale Welt aus Stämmen, die keine Tiefe im klassischen Sinn mehr hat, sondern eine Art gestapelte Fläche, Ebene auf Ebene, wie ein Bühnenbild, bei dem alle Kulissen gleichzeitig auf der Bühne stehen.

    Die Perspektive ist die eines Menschen, der mitten im Dickicht steht und den Kopf leicht in den Nacken legt, ohne die Absicht, irgendetwas Bestimmtes zu finden. Kein Horizont, keine Fluchtlinie, die das Auge führt. Man ist einfach dort, umgeben, fast eingeschlossen, und man kann nicht sagen, ob der Wald einen beschützt oder einen gefangen hält.

    Und die Emotion – ich zögere, dieses Wort zu benutzen, denn Bäume haben keine Gefühle, aber ein Bild, das aus ihnen gemacht wurde, kann welche wecken. Es ist eine Mischung aus Unruhe und Geborgenheit, ein Gefühl, das ich aus manchen Träumen kenne, in denen man weiß, dass man sich in einem vertrauten Ort befindet, ohne ihn wiederzuerkennen. Etwas Elegisches liegt darüber, ein Abschiednehmen von der Eindeutigkeit der Dinge.

    Ich stelle mir vor, wie eine Kuratorin dieses Bild in einer stillen, weiß getünchten Galerie betrachten würde. Sie würde vielleicht sagen, dass hier die fotografische Wahrheit selbst befragt wird – dass eine Kamera normalerweise verspricht, einen Moment festzuhalten, während dieses Bild das Gegenteil tut: Es hält viele Momente gleichzeitig fest und verweigert damit die Eindeutigkeit, die man von einer Fotografie erwartet. Sie würde von der Geste des ständigen Versetzens sprechen als einer Handlung, die der Zufälligkeit der Erinnerung selbst gleicht, und vom Bild als einem Ort, an dem Zeit nicht linear verläuft, sondern sich wie die Äste selbst verzweigt und wieder verschränkt. Vielleicht würde sie es neben ein Werk von Hiroshi Sugimoto hängen, oder neben eine der doppelbelichteten Traumlandschaften früher Piktorialisten, und den Betrachter bitten, nicht zu suchen, was das Bild zeigt, sondern zu spüren, was es in ihm auslöst.

    Ich selbst weiß nicht, ob ich einen Wald fotografiert habe oder eine Erinnerung an einen Wald, die mehrfach überschrieben wurde, bis das Original nicht mehr auffindbar ist. Vielleicht ist das die eigentliche Wahrheit jeder Erinnerung: dass sie nie das erste Bild bleibt, sondern immer schon die Summe aller Bilder, die sich über sie gelegt haben. Der Film in meiner Hand zeigt mir keinen Wald. Er zeigt mir, wie ein Wald sich anfühlt, wenn man ihn zu oft durchquert hat, um sich noch an den ersten Weg zu erinnern.

  • Am Fenster

    Es gibt Momente, in denen eine Kamera nicht fotografiert, sondern lauscht.

    So war es an jenem Nachmittag, als ich die Canonette vom Tisch nahm, ohne recht zu wissen, warum. Das Licht draußen war nicht hell, nicht dunkel – es war das Licht eines Tages, der sich nicht entscheiden konnte, ob er dem Sommer noch gehört oder schon dem Herbst zuneigt. Ein Licht, das durch Blätter fällt und dabei etwas von seiner Eindeutigkeit verliert, bis es nur noch aus Flecken besteht, aus Unruhe und Zittern.

    Ich stand im Zimmer, das Fenster vor mir wie ein altes Gesicht mit vier Augen, geteilt von einem dunklen Kreuz aus Holz. Jahrzehnte an Farbe und Wetter hatten den Rahmen schwarz werden lassen, fast wie Tusche. Und durch dieses Kreuz hindurch, durch die vier Felder, sah ich die Welt in Ausschnitten – so, wie man sich manchmal an ein Leben erinnert: nicht als Fluss, sondern als vier getrennte Bilder, die man später zusammensetzen muss.

    Im oberen linken Feld ein Wagen, hell und reglos, halb verborgen zwischen Ästen, als hätte er sich dorthin verirrt und beschlossen zu bleiben. Daneben, im rechten Feld, etwas Spitzes, Zeltartiges, das sich zwischen den Bäumen erhob wie ein kleines Segel, das nie zum Meer gefunden hat. Ich weiß bis heute nicht genau, was es war – ein Pavillon, ein Unterstand, vielleicht nur ein Schatten, der sich zu einer Form verdichtet hatte. Manche Dinge muss man nicht auflösen. Man darf sie stehen lassen, so wie man einen Satz manchmal offen lässt.

    Und dann, im unteren Feld, ein Mann. Er ging, ohne zu eilen, den Weg entlang, eine Tasche über der Schulter, den Kopf leicht gesenkt, als würde er etwas suchen, das er selbst schon vergessen hatte, warum er es suchte. Ich beobachtete ihn durch das Glas, durch die Bäume, durch das Licht – und für einen Wimpernschlag hatte ich das Gefühl, ich sehe nicht einen Fremden, sondern eine Erinnerung an mich selbst, aus einer Zeit, in der ich noch nicht wusste, wohin ich gehörte. Er ging vorbei, ohne aufzuschauen. Vielleicht hat er das Fenster gar nicht bemerkt. Vielleicht bin ich ihm nie wirklich begegnet, sondern nur seinem Schatten, der zufällig durch mein Blickfeld wanderte, während ich den Auslöser drückte.

    Vor mir, auf der Fensterbank, standen drei kleine Lichtträger – aus schwarzem Eisen geschmiedet, wie dürre Äste, die sich zu Kerzenhaltern verzweigt hatten. In ihnen glänzte Glas: ein facettiertes Windlicht, ein zweites mit feinem Rautenmuster, dazwischen eine schlichte Kerze, ungebraucht, wartend. Sie standen da wie kleine Wächter zwischen mir und der Welt draußen, zwischen dem Innen, das nach Ruhe roch, und dem Draußen, das sich in stetiger, lautloser Bewegung befand. Ich dachte, während ich sie ansah, an all die Abende, an denen man ein Licht entzündet, nicht weil man das Dunkel fürchtet, sondern weil man dem Moment eine Form geben will. Ein Ritual, das älter ist als jede Erklärung dafür.

    Rechts im Bild, halb im Schatten, lehnte ein dunkler Ordner oder eine Mappe gegen das Glas – etwas Angefangenes, Unfertiges, das darauf wartete, weitergeführt zu werden. Vielleicht Notizen, vielleicht nur leere Seiten. Ich mag Bilder, die ein Geheimnis behalten. Man muss nicht alles zeigen, um etwas zu erzählen.

    Was mich an diesem Nachmittag am meisten berührte, war die Art, wie Nähe und Ferne sich in einem einzigen Rahmen begegneten. Vorne das Vertraute – Glas, Metall, das leise Versprechen eines Lichts, das gleich brennen wird. Hinten das Vorübergehende – ein Baum, der sich im Wind bewegt, ein Auto, das irgendwann wegfahren wird, ein Mensch, der schon fast wieder verschwunden ist, kaum dass ich ihn bemerkt hatte. Zwischen beidem: das Fenster. Nicht Trennung, eher Übersetzung. Ein Ort, an dem sich zwei Geschwindigkeiten begegnen dürfen, ohne sich zu stören.

    Die alte Kamera, mit der ich das festhielt, kennt keine Eile. Man dreht, man misst, man wartet auf das Klicken des Verschlusses, das sich anfühlt wie ein kleines Versprechen. Kein Bildschirm zeigt einem sofort, was man eingefangen hat. Man muss dem Moment vertrauen, so wie man manchmal einem Menschen vertraut, ohne zu wissen, wie die Geschichte endet. Vielleicht ist das der Grund, warum solche Bilder anders wirken – körniger, unruhiger, ehrlicher. Sie zeigen nicht, was war, sondern was gefühlt wurde, während es war.

    Ich weiß nicht, wer der Mann auf dem Weg war. Ich weiß nicht, wessen Wagen dort im Grün parkte, oder wozu das kleine spitze Dach zwischen den Bäumen einmal gedient hat. Aber ich weiß, dass ich für einen Augenblick am Fenster stand, das Licht der Kerzen noch ungezündet vor mir, die Welt draußen in Bewegung, und dass in diesem Moment beides gleich viel Gewicht hatte: das Kleine, Stille auf der Fensterbank und das Große, Flüchtige dahinter.

    Manchmal braucht es kein besonderes Motiv, um ein Bild zu machen. Manchmal reicht ein Fenster, ein bisschen Licht und die Geduld, einen Moment lang wirklich hinzuschauen.